Spenglergang und Dachdeckerschutzwand nach BauAV: Masse, Dachneigung, Ausnahmen
Wie tief der Spenglergang liegen darf, ab welcher Dachneigung eine Dachdeckerschutzwand dazukommt und was für kurze Arbeiten auf bestehenden Dächern gilt.
Der Spenglergang ist die oberste Gerüstlage am Dachrand, von der aus Spengler und Dachdecker an Traufe, Rinne und den untersten Ziegelreihen arbeiten. Die Bauarbeitenverordnung (BauAV) legt fest: Bei mehr als 2 m Absturzhöhe liegt sein Belag höchstens 1 m unter der Traufe oder dem Flachdachrand, der Seitenschutz hält mindestens 60 cm Abstand zur fertigen Traufe, und der oberste Holm ragt mindestens 80 cm über den Dachrand. Ab 30° Dachneigung braucht es zusätzlich eine Dachdeckerschutzwand, in der keine einzelne Öffnung grösser als 100 cm² sein darf.
Diese Verbindung von Gerüstlage und Auffangwand ist eine Schweizer Lösung. Wer seine Erfahrung in Deutschland oder Österreich gesammelt hat, kennt eher das Dachfanggerüst, das mit anderen Massen arbeitet. Unten finden Sie die Vorgaben nach Dachneigung geordnet, ein Rechenbeispiel zur Höhenlage und die Mängel, die bei Baustellenkontrollen am häufigsten auffallen.
Welche Sicherung gehört zu welcher Dachneigung?
Artikel 41 BauAV staffelt die Massnahmen an Dachrändern, sobald die Absturzhöhe 2 m übersteigt. Der Gedanke dahinter: Auf einem flachen Dach muss man vor allem verhindern, dass jemand über die Kante tritt. Auf einem steilen Dach kommt eine Person ins Rutschen, lange bevor sie die Kante erreicht. Die Sicherung muss dann einen gleitenden Körper samt mitgerissenem Material abfangen.
| Dachneigung | Mindestmassnahme am Dachrand bei mehr als 2 m Absturzhöhe |
|---|---|
| unter 10° | Spenglergang oder Seitenschutz |
| 10° bis 30° | Spenglergang |
| 30° bis 45° | Spenglergang mit Dachdeckerschutzwand |
| 45° bis 60° | wie oben, zusätzlich Podeste oder Seilsicherung |
| über 60° | Arbeiten nur von einem Gerüst oder einer Hubarbeitsbühne aus |
Liegt ein Dach knapp an einer Grenze, etwa bei 29° oder 44°, planen Sie mit Vorteil gleich die strengere Stufe ein. Auf alten Dachstühlen weicht die tatsächliche Neigung oft um ein, zwei Grad von den Plänen ab, und ein nachträglicher Umbau kostet mehr als eine Schutzwand, die von Anfang an steht. Den genauen Wortlaut der Grenzwerte finden Sie in der aktuellen Fassung der Verordnung.
Lage des Spenglergangs: die drei Masse aus Art. 58
Belag höchstens 1 m unter der Traufe
Bei mehr als 2 m Absturzhöhe darf der Belag des Spenglergangs höchstens 1 m tiefer liegen als die Traufe oder der Rand des Flachdachs. Steht der Spengler tiefer, erreicht er die Rinne nur noch über Kopf, und wer vom Dach abrutscht, fällt einen längeren Weg, bevor die Wand ihn stoppt.
Mindestens 60 cm Abstand zur fertigen Traufe
Zwischen Seitenschutz und Traufe müssen mindestens 60 cm frei bleiben. Das Wort «fertig» verdient Aufmerksamkeit: Massgebend ist der Zustand nach Abschluss der Arbeiten. Erhält ein Dach eine Aufdämmung oder einen grösseren Vorsprung, rückt die Traufe nach aussen und meist auch nach oben. Ein Gerüst, das nach der alten Traufe ausgerichtet wurde, ist am Ende zu knapp.
Oberster Holm mindestens 80 cm über dem Dachrand
Der oberste Holm überragt den Dachrand um mindestens 80 cm. Das deckt sich mit der allgemeinen Regel für Fassadengerüste in Art. 26: 80 cm über der höchsten Absturzkante; rückt der Seitenschutz auf weniger als 60 cm an diese Kante heran, sind es 100 cm. Wer den Abstand von 60 cm einhält, bleibt bei den 80 cm. Wird er unterschritten, gilt das höhere Mass.
Rechenbeispiel: Wie hoch wird die Schutzwand?
Ein Mehrfamilienhaus erhält ein neues Ziegeldach mit Aufdämmung. Nach dem Umbau liegt die Traufe 6,80 m über dem Terrain, die Neigung beträgt 38°.
- Neigung 38°: Spenglergang mit Dachdeckerschutzwand.
- Tiefste zulässige Lage des Belags: 6,80 m − 1,00 m = 5,80 m.
- Oberkante des obersten Holms: mindestens 6,80 m + 0,80 m = 7,60 m.
- Höhe der Schutzwand über dem Belag bei 5,80 m Belaghöhe: 7,60 m − 5,80 m = 1,80 m.
Liegt der Belag höher, zum Beispiel auf 6,10 m, genügen 1,50 m Wandhöhe. Weil Gerüstgänge nach Art. 57 im vertikalen Abstand von 1,9 bis 2,3 m übereinander angeordnet sind, ergibt sich die Höhe der obersten Lage aus dem Raster ab Boden und lässt sich nicht beliebig schieben. Die Traufhöhe im Endzustand gehört deshalb schon in die Bestellung beim Gerüstbauer und nicht erst in die Diskussion auf der Baustelle.
Dachdeckerschutzwand: worauf es ankommt
Die Schutzwand soll eine abrutschende Person und herabgleitendes Material zurückhalten. Deshalb begrenzt Art. 59 BauAV jede einzelne Öffnung auf höchstens 100 cm². Zur Vorstellung: Das entspricht einem Quadrat von 10 × 10 cm oder einem Schlitz von 5 × 20 cm.
- Gitter genau ansehen: Für gewöhnlichen Seitenschutz lässt Art. 22 Gitter mit bis zu 25 cm Maschenweite zu. Als Dachdeckerschutzwand taugt ein solches Gitter nur, wenn keine Masche die 100 cm² überschreitet.
- Stösse und Anschlüsse: Die Grenze gilt für jede Öffnung, also auch für Spalten zwischen zwei Elementen, am Eckstiel und über dem Belag.
- Ecken und Stirnseiten: Wo die Traufe um die Ecke läuft, muss die Wand mitgehen. Sonst entsteht genau dort die Lücke, durch die ein Ziegelstapel abgeht.
- Anbauten: Netze, Planen oder Konsolen kommen erst dazu, wenn vorher die Tragsicherheit kontrolliert wurde und das Einverständnis des Gerüsterstellers vorliegt (Art. 52).
Dachfangwand auf bestehenden Dächern
Für Arbeiten auf bestehenden Dächern bis 45° Neigung nennt Art. 42 BauAV die Dachfangwand. Sie steht direkt an der Traufe, überragt diese um mindestens 80 cm und ist mindestens 100 cm hoch. Typische Anwendungen sind Reparaturen, der Einbau von Solarmodulen oder Arbeiten am Kamin, bei denen die Eindeckung bleibt. Ob die Dachfangwand im konkreten Fall an die Stelle des Spenglergangs treten darf, klären Sie am Verordnungstext oder bei der Suva.
Kleinarbeiten unter zwei Personentagen
Nicht jeder Einsatz auf dem Dach rechtfertigt ein Fassadengerüst. Art. 46 BauAV erleichtert Arbeiten, die pro Dach weniger als zwei Personentage beanspruchen: Gesichert werden muss erst ab mehr als 3 m Absturzhöhe, bei Gleitgefahr schon ab 2 m, und dann mindestens mit einer Seilsicherung.
So zählen Sie: Zwei Spengler, die einen halben Tag lang eine Rinne flicken, kommen zusammen auf einen Personentag, die Erleichterung greift. Ein Dachdecker, der drei Tage einzelne Ziegel ersetzt, liegt mit drei Personentagen darüber. Gerechnet wird pro Dach. Eine grössere Arbeit in mehrere kurze Einsätze aufzuteilen, um unter der Grenze zu bleiben, widerspricht dem Zweck der Regel.
Im Betrieb: Schnee, Material, Änderungen
Auch ein korrekt gestellter Spenglergang verliert im Alltag schnell an Wirkung. Schnee, Eis und Bauschutt sind von Belägen und Zugängen zu entfernen (Art. 61). Im Winter sammelt sich gerade auf dem Spenglergang mehr Schnee als auf anderen Lagen, weil er vom Dach nachrutscht. Elemente der Schutzwand darf niemand eigenmächtig ausbauen, um Material durchzureichen. Umbauten erledigt der Ersteller; geringfügige Anpassungen durch andere setzen eine Abmachung voraus, die schriftlich oder als Textnachricht dokumentiert ist (Art. 64). Die zulässige Nutzlast steht auf dem Schild am Zugang (Art. 62), und Ziegelpakete auf dem Spenglergang zählen voll dazu.
Die Arbeitgeber der Benutzer sorgen für eine tägliche Sichtkontrolle (Art. 61). Am Dachrand gehört dazu der Blick auf die Wand: Sind alle Elemente vorhanden, schliessen die Stösse, hat sich nach einer windigen Nacht etwas gelöst?
Typische Fehler auf der Baustelle
- Das Gerüst wurde nach der alten Traufe gestellt, obwohl eine Aufdämmung geplant ist. Nach dem Umbau fehlen die 60 cm.
- Der Belag liegt mehr als 1 m unter der Traufe, weil niemand das Lagenraster angepasst hat.
- Bei 35° Neigung hängt ein normales Seitenschutzgitter statt einer Schutzwand mit kleinen Öffnungen.
- An der Gebäudeecke oder am Gerüstende fehlt ein Stück Wand.
- Ein mehrtägiger Einsatz mit drei Personen wird als Kleinarbeit behandelt.
Häufige Fragen
Braucht es auf dem Flachdach einen Spenglergang?
Unter 10° Neigung und bei mehr als 2 m Absturzhöhe verlangt die BauAV einen Spenglergang oder einen Seitenschutz. Ein Seitenschutz am Dachrand genügt also, wenn er Art. 22 erfüllt: Holm mindestens 100 cm hoch, Bordbrett mindestens 15 cm, Lücken höchstens 47 cm.
Wie tief darf der Spenglergang unter der Traufe liegen?
Höchstens 1 m. Diese Grenze greift bei Absturzhöhen über 2 m (Art. 58 BauAV).
Ab welcher Dachneigung ist eine Dachdeckerschutzwand Pflicht?
Ab 30°. Zwischen 45° und 60° kommen Podeste oder eine Seilsicherung hinzu, über 60° wird nur noch vom Gerüst oder von einer Hubarbeitsbühne aus gearbeitet.
Wie gross dürfen die Öffnungen in der Schutzwand sein?
Jede einzelne Öffnung höchstens 100 cm² (Art. 59 BauAV), also ungefähr 10 × 10 cm.
Wer ist für den Spenglergang verantwortlich?
Der Gerüstersteller stellt ihn nach den Angaben des Bestellers und prüft ihn vor der Übergabe. Die Arbeitgeber der Spengler und Dachdecker sorgen für die tägliche Sichtkontrolle, Änderungen bleiben beim Ersteller. Die übrigen Grundregeln fasst unser Ratgeber Sicher auf dem Gerüst zusammen.
Quellen
- Schweizerischer Bundesrat: Bauarbeitenverordnung (BauAV), SR 832.311.141, Art. 22, 26, 41, 42, 46, 52, 57–59, 61, 62, 64; Fassung vom 18. Juni 2021, Stand 1. Januar 2024
- Suva in Zusammenarbeit mit dem SGUV: Webseite «Sichere Arbeitsgerüste: Vorschriften und Verantwortlichkeiten», abgerufen am 26. Oktober 2026