Leichtes, schweres, besonders schweres Arbeitsgerüst: Lastklassen der BauAV und der EN im Vergleich
2,00, 3,00 oder 4,50 kN/m²: welche Gerüstkategorie welches Gewerk braucht, wie Sie EN-Material aus Deutschland einordnen und ein Feld selbst nachrechnen.
Die Bauarbeitenverordnung (BauAV) kennt drei Kategorien von Arbeitsgerüsten: Das leichte Arbeitsgerüst ist für 2,00 kN/m² ausgelegt und hat mindestens 60 cm Belagbreite, das schwere für 3,00 kN/m² bei mindestens 90 cm und das besonders schwere für 4,50 kN/m², ebenfalls mit mindestens 90 cm (Art. 55). In der europäischen Norm EN 12811-1, nach der Systemgerüste aus Deutschland eingeteilt werden, entsprechen diese Werte den Lastklassen 3, 4 und 5.
Wer in der Schweiz ein Gerüst bestellt oder Occasion-Material aus Deutschland einkauft, bewegt sich also zwischen zwei Begriffswelten. Dieser Ratgeber ordnet die Kategorien den Gewerken zu, zeigt die Umrechnung, rechnet ein Feld mit Mörtelkübel durch und erklärt, was auf das Nutzlastschild gehört.
Die drei Kategorien der BauAV
| Kategorie | Nutzlast | Belagbreite mindestens | Vorgesehen für |
|---|---|---|---|
| Leichtes Arbeitsgerüst | 2,00 kN/m² | 60 cm | Verputz- und Malerarbeiten |
| Schweres Arbeitsgerüst | 3,00 kN/m² | 90 cm | Maurerarbeiten |
| Besonders schweres Arbeitsgerüst | 4,50 kN/m² | 90 cm | Steinhauerarbeiten, Versetzen von Fertigelementen |
Ein Kilonewton entspricht grob 100 kg. Auf einem Quadratmeter leichtem Gerüst dürfen also rund 200 kg stehen, gleichmässig verteilt. Das ist schneller erreicht, als man denkt: In Berechnungen zählt eine Person mit 1 kN, und ein gefüllter Mörtelkübel mit 80 Litern bringt nach den Beispielen der deutschen DGUV etwa 1,17 kN auf den Belag.
Umrechnung auf die EN-Lastklassen
Die EN 12811-1 teilt Arbeitsgerüste in sechs Lastklassen ein. Angegeben ist jeweils eine gleichmässig verteilte Flächenlast:
| EN-Lastklasse | Flächenlast | Gegenstück in der BauAV |
|---|---|---|
| LK 1 | 0,75 kN/m² | keine Arbeitsgerüst-Kategorie, nur für Inspektionen gedacht |
| LK 2 | 1,50 kN/m² | keine Kategorie, Arbeiten ohne Materiallagerung |
| LK 3 | 2,00 kN/m² | leichtes Arbeitsgerüst |
| LK 4 | 3,00 kN/m² | schweres Arbeitsgerüst |
| LK 5 | 4,50 kN/m² | besonders schweres Arbeitsgerüst |
| LK 6 | 6,00 kN/m² | liegt über allen BauAV-Kategorien |
Für die Breite gibt es in der EN eigene Breitenklassen. W06 deckt Belagbreiten von 0,6 bis unter 0,9 m ab, W09 von 0,9 bis unter 1,2 m. Ein leichtes Arbeitsgerüst braucht demnach mindestens W06, ein schweres oder besonders schweres mindestens W09. Welche Breite ein System tatsächlich bietet, steht in seiner Aufbau- und Verwendungsanleitung.
Zwei Unterschiede, die man kennen sollte
- Teilflächenlasten: Ab LK 4 nennt die EN zusätzlich eine Last, die auf einer kleinen Teilfläche stehen darf: 5,0 kN/m² bei LK 4, 7,5 kN/m² bei LK 5 und 10,0 kN/m² bei LK 6. Sie spielt eine Rolle, wenn schweres Material auf engem Raum abgestellt wird, etwa ein Steinpaket.
- LK 1 und LK 2: Beide liegen unter dem Wert des leichten Arbeitsgerüsts. Ein Gerüst in dieser Konfiguration eignet sich in der Schweiz nicht als Arbeitsgerüst für Verputz oder Malerei, auch wenn es äusserlich gleich aussieht.
Welches Gewerk braucht welche Kategorie?
- Maler, Gipser, Verputzer: leichtes Arbeitsgerüst. Wer Dämmplatten oder grosse Gebinde zwischenlagert, sollte trotzdem nachrechnen. Für Arbeiten an Wärmedämmverbundsystemen empfiehlt die DGUV wegen der grossen Verpackungen mindestens die Breitenklasse W09.
- Maurer: schweres Arbeitsgerüst, weil Steine und Mörtel auf dem Belag stehen.
- Plattenleger, Natursteinarbeiten, Montagen: Die DGUV ordnet diese Arbeiten mindestens LK 4 mit W09 zu, was dem schweren Arbeitsgerüst entspricht.
- Steinhauer, Fassadenbau mit Fertigelementen: besonders schweres Arbeitsgerüst.
- Dachdecker und Spengler: In Deutschland gilt für Dachdeckerarbeiten mindestens LK 3. Massgebend ist aber, was wirklich auf dem Belag liegt. Ziegelpakete auf dem Spenglergang können ein leichtes Gerüst rasch überfordern.
Und Schutzgerüste?
Die drei Kategorien beziehen sich auf Arbeitsgerüste, also auf Lagen, auf denen gearbeitet und Material abgestellt wird. Für Schutzgerüste gelten eigene Regeln. Die DGUV verlangt für sie mindestens LK 2, und nach Art. 66 BauAV muss der Belag eines Fanggerüsts für die dynamische Last eines Sturzes bemessen sein. Material wird auf einer Fanglage grundsätzlich nicht gelagert, sonst fehlt im Ernstfall genau die Reserve, für die sie gebaut wurde.
Rechenbeispiel: ein Feld mit Mörtelkübel
Zwei Gipser arbeiten auf einem leichten Arbeitsgerüst. Angenommen wird ein Feld von 3,00 m Länge und 0,70 m Belagbreite.
- Belagfläche: 3,00 m × 0,70 m = 2,10 m².
- Zulässige Last im Feld: 2,10 m² × 2,00 kN/m² = 4,20 kN.
- Belastung: zwei Personen 2,00 kN, zwei Mörtelkübel zu 80 Litern 2,34 kN, Werkzeug 0,10 kN, zusammen 4,44 kN.
- Ergebnis: 4,44 kN liegt über 4,20 kN. Das Feld ist überlastet.
Die Lösung ist einfach: Mit nur einem Kübel im Feld sinkt die Last auf 3,27 kN, das passt. Sollen regelmässig zwei Kübel pro Feld stehen, ist ein schweres Arbeitsgerüst die richtige Wahl. Bei 3,00 m × 0,90 m ergibt sich dort 2,70 m² × 3,00 kN/m² = 8,10 kN zulässige Last, die 4,44 kN liegen dann deutlich darunter. Beachten Sie zudem, dass die Summe aller Lasten in einem Gerüstabschnitt die rechnerische Last nicht überschreiten darf. Wer auf jedem Feld nebeneinander knapp an der Grenze lagert, belastet den Abschnitt als Ganzes stark.
Zusatzbeispiel: Steinpaket mit dem Kran
Wird Material mit Kran oder Hebezeug abgesetzt, erhöht man das Gewicht für die Berechnung mit dem Faktor 1,2. Angenommen, ein Steinpaket wiegt laut Lieferschein 3,0 kN und steht auf einer Fläche von 0,60 m × 0,80 m auf einem schweren Gerüst:
- Rechenlast: 3,0 kN × 1,2 = 3,6 kN.
- Teilflächenlast: 3,6 kN ÷ 0,48 m² = 7,5 kN/m².
- Vergleich: LK 4 erlaubt auf Teilflächen 5,0 kN/m², LK 5 genau 7,5 kN/m².
Auf einem Gerüst der LK 4 ist dieses Paket in einem Stück zu schwer, obwohl die Gesamtlast im Feld noch passen würde. Entweder wird das Paket geteilt, auf eine grössere Fläche verteilt oder das Gerüst als besonders schweres ausgelegt.
Nutzlastschild an jedem Zugang
Art. 62 BauAV verlangt, dass die zulässige Nutzlast an jedem Gerüstzugang gut sichtbar auf einem Schild steht, ebenso an jedem Materialpodest. Das Schild ist die Information, die ein Maurer oder Maler morgens tatsächlich sieht. Bewährt hat sich:
- die Kategorie nach BauAV ausschreiben, bei EN-Material die Lastklasse in Klammern ergänzen;
- neben kN/m² auch den Wert in kg/m² angeben, weil auf der Baustelle kaum jemand in Kilonewton denkt;
- abweichende Bereiche, etwa ein Materialpodest mit höherer Last, getrennt beschildern;
- das Schild bei Umbauten anpassen, nicht nur das Gerüst.
Material aus Deutschland richtig einordnen
Systemgerüste aus Deutschland sind nach EN-Lastklassen bemessen. Welche Klasse ein bestimmter Aufbau erreicht, hängt von Feldlänge, Belag und Konfiguration ab; nachzulesen ist das in der Aufbau- und Verwendungsanleitung. Nach Art. 60 BauAV wird nach Herstellerangaben montiert. Ausserdem dürfen nur Gerüste und Teile verwendet werden, die dem Produktesicherheitsgesetz entsprechen (Art. 47), und verbogene, geknickte oder korrodierte Bestandteile sind tabu (Art. 48). Wie Sie gebrauchte Teile prüfen, beschreibt unser Ratgeber Occasion-Gerüst beurteilen.
Wer Konsolen anbaut, um den Belag zu verbreitern, oder Verkleidungen anbringt, braucht vorher eine Prüfung der Tragsicherheit und die Zustimmung des Gerüsterstellers (Art. 52). Ein einzelner schwächerer Belag begrenzt die Tragfähigkeit des ganzen Feldes. Wenn Sie bei uns Occasion-Gerüste anfragen, nennen Sie am besten Gewerk und gewünschte Kategorie, dann lässt sich das passende System eingrenzen.
Typische Fehler
- Material wird gegen den Seitenschutz gelehnt. Dafür ist er nicht bemessen.
- Kranlasten werden ohne Zuschlag gerechnet.
- Bei Materiallagerung bleibt kein freier Durchgang. Die DGUV verlangt mindestens 0,20 m.
- Das Schild hängt nur am Hauptzugang, nicht an der zweiten Treppe oder am Materialpodest.
- Für Maurerarbeiten wird ein 70 cm breites Gerüst gestellt, weil es gerade verfügbar ist.
Häufige Fragen
Welche Lastklasse hat ein leichtes Arbeitsgerüst?
Das leichte Arbeitsgerüst ist für 2,00 kN/m² ausgelegt. Das entspricht der EN-Lastklasse 3.
Wie breit muss ein Gerüst für Maurerarbeiten sein?
Mindestens 90 cm Belagbreite, denn Maurerarbeiten verlangen ein schweres Arbeitsgerüst mit 3,00 kN/m².
Wie viel Kilo trägt ein schweres Arbeitsgerüst pro Quadratmeter?
3,00 kN/m², also rund 300 kg pro Quadratmeter, gleichmässig verteilt. Für konzentrierte Lasten gilt bei EN-Material zusätzlich die Teilflächenlast.
Darf ich deutsches Gerüst der LK 3 in der Schweiz einsetzen?
Als leichtes Arbeitsgerüst ja, sofern es dem Produktesicherheitsgesetz entspricht, unbeschädigt ist und nach Herstellerangaben aufgebaut wird. Für Maurerarbeiten reicht LK 3 nicht.
Gilt die Nutzlast pro Feld oder pro Lage?
Die Nutzlast ist ein Wert pro Quadratmeter. Daraus ergibt sich die zulässige Last je Feld. Zusätzlich darf die Summe der Lasten im Gerüstabschnitt die rechnerische Last nicht überschreiten.
Quellen
- Bauarbeitenverordnung (BauAV), SR 832.311.141, insbesondere Art. 47, 48, 52, 55, 60 und 62 (Schweizerischer Bundesrat; Fassung 18.06.2021, Stand 01.01.2024)
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Sachgebiet Hochbau: DGUV Information 201-011, Titel «Verwendung von Arbeits-, Schutz- und Montagegerüsten», Ausgabe Januar 2023 (enthält die Last- und Breitenklassen nach EN 12811-1)